«Europa befindet sich in einem relativen Krieg» Pitteloud

Israels früherer Armeesprecher Daniel Hagari über den Gaza-Krieg und die Folgen

Als Sprecher der israelischen Armee erklärte Daniel Hagari der Welt den Gaza-Krieg. Wegen Differenzen mit der Regierung musste er abtreten. An seiner Sicht auf den Krieg hat das nichts geändert.
NZZ am Sonntag, 16. November 2025

Interview: Daniel Foppa

Er war das Gesicht des Krieges: Nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 wurde der israelische Armeesprecher Daniel Hagari auf die Bühne der Weltöffentlichkeit katapultiert. Täglich verkündete der studierte Philosoph und frühere Kommandant einer Kampfschwimmer-Einheit fortan seinen Lagebericht. Als Erster trat er in den chaotischen Stunden nach dem Hamas-Angriff, bei dem 1200 Menschen ermordet wurden, vor die Medien. Während ein ganzes Land nach Erklärungen rang, wie ein solches Versagen der Streitkräfte möglich war, informierte Hagari über die Gegenangriffe der Armee, die Opfer, die Geiseln. Er rief mit seinen Auftritten jenes Bild in Erinnerung, das an diesem Tag dauerhaft Schaden genommen hat: das Bild einer Armee, auf deren Fähigkeit zum Schutz der eigenen Bevölkerung bedingungslos vertraut werden kann.

Hagari schaffte es, der Bevölkerung dieses Vertrauen schrittweise zurückzugeben. Er zeigte Videos, Satellitenbilder und Audioaufnahmen oder informierte in voller Kampfmontur aus den vordersten Linien, um die Militäroperationen fassbar zu machen. Hagari musste nur schon deshalb so transparent wie möglich informieren, weil praktisch alle israelischen Zuschauer Angehörige in der Armee hatten. Ihnen konnte man nichts vormachen. Doch seine offene Art sollte Hagari schliesslich den Job kosten. So kritisierte er einen Gesetzentwurf, der Straffreiheit für Soldaten vorsah, die geheime Informationen weitergeben. Zudem sagte Hagari in einem Interview, dass er es für illusorisch halte, die Hamas komplett auszulöschen. Er widersprach damit Premierminister Benjamin Netanyahu und musste im März 2025 von seinem Amt zurücktreten. Für kurze Zeit wurde Hagari im Juni nach Israels Angriff auf das iranische Atomprogramm wieder rekrutiert, trat aber nicht mehr vor die Kameras. Inzwischen ist er aus der Armee ausgeschieden.

Wir treffen den 49-jährigen Vater von vier Kindern an einem Anlass der Organisation Keren Hajessod in Zürich. Der ehemalige Armeesprecher, dessen Grossvater vor den Nazis aus Berlin-Charlottenburg nach Palästina geflohen war, begrüsst uns mit ein paar Sätzen auf Deutsch. Hagari ist der pausenlose Einsatz der letzten Monate anzumerken, die Enttäuschung über das Ende seiner Militärkarriere zeigt er hingegen nicht. Auch als Zivilist ist seine Loyalität gegenüber der Armee, der er 30 Jahre lang gedient hat, ungebrochen. Seine Uniform hat Hagari abgelegt, die Rolle als Armeesprecher nicht.

Herr Hagari, wie haben Sie den 7. Oktober 2023 erlebt?

Ich wurde wie alle komplett überrascht. Als die erste Nachricht vom Angriff eintraf, war ich bei meiner Familie. Darauf eilte ich ins Hauptquartier und versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. Es herrschte grosse Anspannung, alles war chaotisch. Man versuchte, Detailinformationen zusammenzuführen, um die Situation zu verstehen. Dabei half mir meine Erfahrung als Kampfkommandant: Oberste Priorität haben die korrekte Einschätzung der Lage und das Erlangen der Kontrolle.

Wie schätzten Sie die Lage denn in den ersten Stunden des Angriffs ein?

Es wurde schnell klar, wie verheerend der Angriff war. Die israelische Armee hat den Auftrag, zwischen der Bevölkerung und dem Feind zu stehen. Und diesen Auftrag hat sie am 7. Oktober nicht erfüllt. Es war für uns ein gewaltiger Misserfolg und Rückschlag.

Als Sie das erste Mal vor die Medien traten, war die Armee noch nicht Herr der Lage.

Ich habe gegen 11 Uhr die erste Videoerklärung abgegeben, danach folgten Interviews mit israelischen Zeitungen, und um 18 Uhr trat ich live vor die Medien. Es ging darum, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen, das wir an diesem Morgen verloren hatten.

Und wie taten Sie das?

Ich sagte dem Land, was ich wusste. Ich wollte den Menschen etwas geben, woran sie sich festhalten konnten, ihnen ermöglichen, die Lage richtig einzuschätzen. Ein Reporter fragte mich, wie es zu diesem Versagen der Streitkräfte gekommen sei. Ich räumte das Versagen ein und sagte, dass es eine gründliche Untersuchung dazu geben werde, dass wir uns jetzt aber auf den Kampf konzentrieren müssten. In einer solchen Situation muss man der Öffentlichkeit mitteilen, was man weiss – auch wenn es nicht vollständig ist, weil man nicht genug Zeit hatte, um alles zu verstehen. Das sind entscheidende Momente. Wenn man einmal seine Glaubwürdigkeit verloren hat, gibt es keine zweite Chance. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keine Tauchausrüstung, kein Gewehr, keinen Helm. Ich hatte nur meine Glaubwürdigkeit.

Daniel Hagari informiert Medienvertreter über einen Hamas-Tunnel im Gaza-Streifen.Amir Cohen / Reuters

Konnten Sie denn stets wahrheitsgetreu informieren? Der Feind hörte Ihnen ja auch zu.

Es gibt Situationen, in denen man nicht alles sagen kann, was man weiss. Ich hatte verschiedene Zielgruppen, die zuhörten: Angehörige von Soldaten und Geiseln, Jüdinnen und Juden in aller Welt, die internationale Öffentlichkeit. Ich musste jeweils andere Worte wählen, je nachdem, an wen ich mich richtete. Dabei stand die Schnelligkeit in einem Spannungsverhältnis zur Glaubwürdigkeit. Mit zunehmender Wartezeit erhält man mehr Details und versteht die Situation besser. Aber man verliert womöglich die Deutungshoheit über das Geschehen, und das Narrativ ist auf die eine oder andere Weise bereits gesetzt.

Welche Botschaft haben Sie denn bei Ihren ersten Auftritten vermittelt?

Wir befinden uns im Krieg. Wir gewinnen jetzt die Kontrolle über die Situation. Wer uns angreifen will, soll wissen, dass wir jetzt vorbereitet sind. Das waren Botschaften der Kontrolle, der Widerstandsfähigkeit und der Abschreckung. Doch je länger der Krieg dauerte, desto komplexer wurden die Botschaften.

Weshalb?

Dieser Krieg war anders als frühere. Es gab die 251 Geiseln. Es gab Fronten von Libanon über Syrien bis nach Jemen und Iran. Und jede Front hatte eine andere Erzählung, eine andere Bedrohung, die man der Welt und der Öffentlichkeit in Israel vermitteln musste. Es ist anders, sich auf einen Angriff mit ballistischen Raketen aus Iran vorzubereiten, als über den Kampf gegen die Hizbullah in Libanon zu informieren.

In Libanon wurden Hizbullah-Kader Opfer gezielter Pager-Attacken, für den Angriff auf Iran errichteten israelische Agenten offenbar eine versteckte Drohnenbasis auf iranischem Boden. Wie gelingen Israel eigentlich immer wieder solche Operationen?

Dazu braucht es Mut, Kreativität und Intelligenz. Es braucht die notwendige Technologie – und das Verständnis, dass wir kein anderes Land haben. Dass wir Israeli nur Israel haben und dass wir dafür sorgen müssen, dass es sicher ist. Das tun wir, mit allen Mitteln. An manchen Fronten sind wir erfolgreich, an anderen sind wir gescheitert.

Je länger der Krieg dauerte, desto lauter wurde die internationale Kritik an Israel.

Tatsächlich sahen wir uns bald auch dieser Front gegenüber. Die Kritik besorgt mich, vor allem wegen ihrer Auswirkungen auf die jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt. Wir intensivierten deshalb unsere Anstrengungen auf den Social Media, dort wird der Kampf der Erzählungen geführt.

Wo hört faktenbasierte Information auf, und wo beginnen Informationsoperationen und Propaganda, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen?

Ich habe in meiner Funktion Fakten geliefert, die Wahrheit vermittelt und auch Fehler eingeräumt. Aber ich habe nicht manipuliert, das war nicht meine Aufgabe. Für Informationsoperationen war ich nicht zuständig.

Die israelische Armee hatte im Gaza-Krieg die komplette Informationshoheit. Warum wurden keine unabhängigen Journalisten in Gaza zugelassen?

Gaza war Kriegsgebiet. Wenn man Journalisten hineinlässt, muss man für ihre Sicherheit verantwortlich sein. Und das war in Gaza nur in einem bestimmten Umfeld möglich. Die ersten, die das Shifa-Krankenhaus betraten, die ersten, die in die Hamas-Tunnel gingen, die ersten, die mit einem Flugzeug nach Jemen flogen, während die israelische Luftwaffe angriff, waren internationale Reporter, die ich dorthin gebracht hatte. Manchmal mit mir, manchmal alleine. Aber sie waren immer mit unseren Truppen zusammen, weil das die einzige Möglichkeit war, sicherzustellen, dass ihnen nichts zustiess.

Trotzdem berichteten Journalisten unabhängig aus Gaza. Laut der Organisation Reporter ohne Grenzen sind im Gaza-Krieg über 200 Journalisten bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen.

Die Getöteten waren meines Wissens zumeist freie Mitarbeiter von Medienunternehmen, ein paar von ihnen waren auch Hamas-Mitglieder. Sie befanden sich mitten in einem Kriegsgebiet. Israel hat sie nicht mit Absicht angegriffen, die Vorfälle sind tragisch und werden untersucht. Wir müssen als liberale Demokratie sicherstellen, dass Journalisten unabhängig berichten können. Auch wenn sie Israel kritisieren.

Die Kritik an Israel ist wegen der enormen Opferzahlen in Gaza massiv. Zehntausende Menschen starben durch israelische Angriffe. Was sagen Sie als ehemaliger Armeesprecher dazu?

Jedes unschuldige Menschenleben, das ausgelöscht wird, ist eine Tragödie. Am 7. Oktober wurden in Israel Frauen, Babys, alte Menschen auf grausamste Weise ermordet. Ebenso ruchlos ging die Hamas mit der eigenen Bevölkerung um. Der Hamas-Führer Musa Abu Marzuk sagte, die 500 Kilometer langen Tunnels unter der Erde seien dafür da, die Hamas-Kämpfer vor Luftangriffen zu schützen. Über der Erde liege die Verantwortung für das Überleben der Bevölkerung hingegen bei den Vereinten Nationen.

In diesem Krieg wurden aber weit mehr palästinensische Zivilisten getötet als bei früheren Kriegen, die Israel führte.

Die Opferzahlen basieren auf Angaben der Hamas. Und wir wissen nicht, wie viele dieser Menschen Hamas-Kämpfer waren, die sich selbst und andere als menschliche Schutzschilde benutzt haben. Die Hamas-Taktik bestand darin, Tunnel unter Krankenhäusern, Schulen und Wohngebieten zu bauen. Das machte es für Israel sehr komplex, anzugreifen. Und dabei gibt es leider Opfer, selbst wenn man die besten Geheimdienstinformationen nutzt, alle Techniken einsetzt und sogar Soldaten ins Feld schickt. Wenn der Krieg dann so lange dauert, gibt es mehr Opfer. Und zwar auf beiden Seiten. Die Hamas hätte den Krieg rasch beenden können, indem sie alle Geiseln freigelassen hätte. Warum hat sie das nicht getan? Weil sie überleben wollte. Es ist schrecklich, aber es ist so: Die Hamas profitierte vom Tod der Menschen in Gaza.

Das Gesicht des Krieges: Daniel Hagari am 14. April 2024 während einer seiner zahlreichen Videoerklärungen.Idf/Imago

Hat die israelische Armee Kriegsverbrechen begangen?

Wenn Kritiker Israel Kriegsverbrechen vorwerfen, denken sie in der Regel nicht an Unfälle und Fehler. Sondern an Verbrechen, die mit Absicht begangen wurden. Solche Verbrechen hat die israelische Armee als Ganzes nicht begangen. Es gab Fehler von Armeeangehörigen, die werden untersucht.

Die oberste Militärstaatsanwältin Yifat Tomer-Yerushalmi hat unlängst gestanden, ein Video aus der Haftanstalt Sde Teiman geleakt zu haben. Sie wollte so auf mögliche Misshandlungen aufmerksam machen. Gibt es einen Punkt, an dem Militärangehörige zu solchen Mitteln greifen müssen, weil sie den internen Untersuchungen nicht mehr trauen?

Ich kenne die Details des Falls nicht. Als ich noch im Dienst war, wurde ich zu den Leaks befragt. Und ich habe gesagt, dass untersucht werden müsse, wie die Informationen an die Medien gelangt seien. Natürlich müssen auch die Misshandlungsvorwürfe untersucht werden. Alles, was von der Militärpolizei aufgedeckt wird, muss untersucht werden, und die Gerichte sollen darüber entscheiden. Ich vertraue den Instanzen der Armee.

Wie fällt Ihre Bilanz des Gaza-Kriegs aus?

Es gab zwei Hauptziele: die Rückkehr der Geiseln und die Zerstörung der Hamas als militärische Organisation. Die noch lebenden Geiseln sind alle zurückgekehrt, drei tote Geiseln bleiben noch vermisst. Unter den vor wenigen Tagen rückgeführten toten Geiseln befanden sich auch die Überreste des damals 23-jährigen Offiziers Hadar Goldin, der 2014 während einer Waffenruhe von der Hamas in einen Hinterhalt gelockt und getötet wurde. Seine Familie kämpfte seither für seine Heimkehr. Hadar ist ein Symbol für Kameradschaft und dafür, dass wir als Soldaten alles tun müssen, um unsere Brüder nach Hause zu holen. Man lässt niemanden zurück.

Wurde auch das zweite Hauptziel Israels erreicht, die Zerstörung der Hamas?

Es geht darum, dass die Hamas den Gazastreifen nicht mehr kontrollieren kann. Das ist ein sehr komplexes Ziel, das wir gemeinsam mit anderen Ländern erreichen müssen. Wir müssen sicherstellen, dass es nie wieder zu einem 7. Oktober kommt. Denn die freigelassenen Geiseln berichteten, dass ihnen damit gedroht worden sei: Es wird weitere 7. Oktober geben, wir werden euch wieder zurückholen, wenn ihr in der Nähe von Gaza lebt. Dazu darf es nicht kommen: Unser Land muss ein sicherer Hort für Israeli, für Juden sein. Terror und Jihad hingegen werden verlieren. Das ist die wichtigste Lektion aus diesem Krieg.

Im Moment herrscht eine brüchige Waffenruhe. Wie soll es nun weitergehen? Ist der Friedensplan von US-Präsident Donald Trump eine Lösung?

Ich stelle fest, dass die Amerikaner sehr entschlossen sind. Entscheidend ist jetzt, dass die Bewohner Gazas eine Anlaufstelle haben, die sie mit Lebensmitteln, Wasser und kommunalen Dienstleistungen versorgt. Und das darf nicht die Hamas sein. Sonst sind sie immer noch die Retter oder so etwas in der Art. Man muss diese Anlaufstelle in Gaza mit anderen Ländern aus der Region aufbauen. Das ist in deren Interesse. Denn auch die arabischen Länder könnten ihren eigenen 7. Oktober erleben – durch Jihadisten in ihren Ländern oder in ihrer Nachbarschaft.

Was sind denn die Auswirkungen des Krieges über Israel und Gaza hinaus?

Der 7. Oktober ist eine Lektion und ein Warnsignal für die ganze Welt. Die Länder Europas sollten verstehen, dass diese Bedrohung auch bei ihnen auftreten kann. Denn es geht nicht nur um Juden und den Islam. Es geht auch um Liberalismus und Demokratie, es geht um die Feinde einer liberalen Gesellschaft. Gleichzeitig sollte Europa dafür sorgen, dass Social Media und künstliche Intelligenz nicht dazu genutzt werden, neue Wellen des Antisemitismus und des Terrors auszulösen. Sondern dass die Minderheiten in ihren Ländern in Sicherheit leben können.

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